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Kategorie-Archiv: Literatur

Besessene haben keine Wahl

Kürzlich habe ich meiner besseren Hälfte empfohlen, das fantastische Buch „Fever Pitch“ von Nick Hornby zu lesen. Aus mir sprach die Überzeugung, dass ihr dieser literarisch begnadete Engländer meine Fußballleidenschaft näher bringen könnte.

Denn wenn man mit jemandem zusammen ist, den Fußball nicht begeistert, steht man immer wieder vor Erklärungsnöten: warum man diese oder jene Strapaze auf sich nimmt; warum man, im Gegensatz zu Karl-Markus Gauß, schon in Unken war, da die Austria dort in der Saison 2006/07 gespielt hat; oder warum man während der Hochzeitsplanungen euphorisch jubelt, weil gleichzeitig der Liveticker ein Tor der Austria vermeldet. All dies ist für Fußballfans leicht zu verstehen… Beim Rest der Welt erntet man Kopfschütteln.

Nun ja, ich dachte mir, Nick Hornby kann mir da helfen. Und ich muss sagen, es hat geholfen – zwar nicht wie erhofft, aber trotzdem. Bereits auf Seite zwei steht der folgenschwere Satz: „Besessene haben keine Wahl.“ Damit ist eigentlich alles gesagt. Wann immer wir über Fußball diskutieren, irgendwann fällt dieser Satz.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem Besessene keine Wahl haben. Der Tag der Lizenzentscheidung in Österreich. Nervös wie ein 7-Jähriger am Heiligen Abend versuche ich, die Zeit bis zur Entscheidung zu überstehen. Ich weiß nicht, ob es gut ist; ich weiß nicht, wie es wäre, wenn diese Leidenschaft keinen Platz in meinem Leben hätte. Es ist mir aber auch egal, schließlich haben Besessene keine Wahl.

Künstler, Kiffer und Klingonen

Rund um dieses merkwürdig zusammengewürfelte Trio hat Dietmar Krug seinen Roman „Mehr Freiheit“ aufgebaut. Im Wesentlichen handelt der Roman von Burkhard Van der Waiden, einem, wie der Autor, in Wien lebenden Deutschen und dessen Familie. Wenn ein in Wien lebender Deutscher auszieht, um einen Roman zu schreiben, dann birgt diese Konstellation ohnehin einiges Potential. Dieses wird dann auch voll ausgeschöpft, wenn feiner Humor und unterhaltsame Geschichten aufeinander treffen.

Schon mit seiner Kolumne „Diese Deutschen“, die regelmäßig in „Die Presse“ erscheint, beweist er immer wieder, dass er über eine überaus feine Feder und eine nicht minder feine Beobachtungsgabe verfügt. Eben jene Beobachtungsgabe ist es auch, die diesen Roman so lesenswert macht. Eingebettet in die Vorbereitungen für einen wissenschaftlichen Kongress, erzählt uns der Autor durchaus erheiternd die Familiengeschichte der Van der Weidens.

Burkhard Van der Weiden, seines Zeichens Philosoph, hat die 50 bereits überschritten und ist sich bewusst, dass der Kongress die wohl letzte Möglichkeit sein wird, endlich einen festen Lehrstuhl zu ergattern. Für ihn selbst ist dies wohl eher von geringerer Bedeutung als für die Eltern seiner Frau Lisa. Diese stammt aus gutbürgerlichem Haus und muss dementsprechend immer wieder das Tun ihres Mannes, oder besser gesagt das Nicht-Tun, gegenüber ihren Eltern erklären und Kommentare dazu ertragen.

Komplettiert wird die Familie von Tochter Sarah, die sich mit der Hoffnung auf eine steile Gesangskarriere die Brüste vergrößern ließ, und Sohn Moritz, dessen schulische Probleme auf Grund unzähliger Stunden in Star-Trek-Sessions ohnehin schon groß genug sind, und durch die aufflammende Zuneigung zu seiner Klassenkameradin Nina und Marihuana noch verstärkt werden. Die Zuneigung zu Marihuana teilen Vater und Sohn, jedoch nie gemeinsam. Dem Vater dient der Joint neben der wiederkehrenden Entspannung auch als Vorbereitung auf ein Künstlertreffen, welches er auf Wunsch seiner Frau besuchen muss, um ihr wiederum bei der Entwicklung ihrer Galerie zu helfen.

Die ohnehin angespannten Familienverhältnisse zwischen Schulpsychologin, finanzieller Unterstützung der Schwiegereltern und einer Tochter, die sich weiß Gott wo herum treibt, wird durch eine demente Mutter noch zusätzlich belastet: Eine Mutter, die durch ihren latenten Verfolgungswahn und die Entdeckung der Rückruftaste auf ihrem Telefon Van der Weiden zu immer neuen Ausflüchten treibt.

Am Ende sind es dann nicht die beiden Hauptakteure des Kongresses, Habermas und Sloterdijk, die den namensgebenden Impuls für diesen Roman liefern, sondern eben jene Mutter. Ebenso eindrucksvoll wie simpel erklärt sie ihren Wunsch nach „Mehr Freiheit“, dem nicht nur die Romanfiguren anhängen, sondern letztlich wohl ein jeder von uns.

Dietmar Krug, Mehr Freiheit, Otto Müller Verlag Salzburg, € 22,00

Der vielleicht größte Spaß aller Zeiten

Obwohl man natürlich noch nicht sagen kann was uns noch alles erwartet, was angesichts der kurzen Geschichte der Menschheit auch sehr naiv wäre, aber dieses Buch gehört schon jetzt zum größten Spaß aller Zeiten. Die Rede ist von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ des schwedischen Autors Jonas Jonasson. Ein Buch das Absurditäten, Charme, Witz und unglaublichen Lösungen kaum zu überbieten ist.

Das Buch begeistert von der ersten Seite weg, mit einer Hauptfigur die lustiger nicht sein könnte. Der hundertjährige Allan Karlsson flieht an seinem 100. Geburtstag aus dem Seniorenheim vor seiner Krankenpflegerin Alice im Speziellen und der Feier anlässlich seines Geburtstags im Allgemeinen. Was dann passieren kann man kaum zusammenfassen, im Übrigen würde es auch jeden den Spaß vor wegnehmen der das Buch noch lesen möchte, was man uneingeschränkt empfehlen kann. Um die Handlung auch nur ansatzweise zusammen zu fassen müsste man in wenigen Sätzen eine Verbindung zwischen einem Elefanten, dem Bau der Atombombe, zahlreichen teils diktatorischen, meistens aber dem Alkohol zugeneigten, Staatschefs, dem Ende des Kalten Kriegs, fünfzig gestohlenen Millionen, einem narzisstischen Staatsanwalt und allem möglichen was sonst noch in den letzten 100 Jahren auf unserem Planet passiert ist, herstellen. Um es kurz zu machen ein Ding der Unmöglichkeit.

So absonderlich dies alles ist, die Geschichte von Allan Karlsson wird nie trivial. Immer sprüht sie vor Charme, oftmals sogar von Tiefsinn. Allan Karlsson beweist, dass man dem nötigen Maß an Optimismus, dem Glauben an das eigene Glück, einer gehörigen Portion Mut und nicht zu Letzt Einfallsreichtum alles meistern kann, und in diesem Buch ist wirklich alles gemeint. Dazu kommen unzählige Dialoge die so lustig sind, dass man nur lauthals lachen kann. Am Ende lernt man noch allerlei Weisheiten, etwa, dass „Wenn Du mit einem Schweden um die Wette saufen willst, solltest du zumindest Finne oder Russe sein.“, somit gehört dieses Buch zur Standardbibliothek eines jeden Menschen der 100 Jahre oder älter werden will. Und wer glaubt, das Leben wird im Alter jemals langweilig oder gar öde, der wird hier eines besseren belehrt.

Kärntner Machenschaften

Herr Groll im Schatten der Karwanken ist nun mehr der vierte Groll-Roman von Erwin Riess. Dieses mal führt die Geschichte des skurrilen und witzigen Herrn Groll nach Kärnten. Eingebettet in den Finanzskandal rund um die Hypo Alpe Adria, die Gräueltaten der SS, den Aufenthalt von John F. Kennedy in Kärnten, einer Hochzeit und dem GTI-Treffen gelingt es Riess mühelos die Zustände in Kärnten zu beschrieben. Niemals wird er dabei gehässig oder plump, viel mehr verpackt der die Geschichte und die Geschichten in imaginäre Dialoge die Groll mit seinem Freund Schebesta vom „Ständigen Ausschuss zur Klärung sämtlicher Welträtsel“ führt, oder er lässt Groll in seiner überaus charmanten und direkten Art seine Mitstreiter an seinem Wissen teilhaben.

Am Ende dieses Buches, welches leider viel zu schnell vorübergeht, hat man den Eindruck, dass die Zustände noch viel schlimmer sind als man sie erwartet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieses Buch viel mehr von seinen Geschichten rund um die Handlung lebt, als von der Spannung die man sich von einem Krimi erwartet. Am Ende muss Groll nämlich eines erkennen, Verfahren werden im Allgemeinen und in Kärnten im Speziellen immer dann eingestellt wenn die Finanzwelt, die Politik oder die nationalsozialistische Vergangenheit eine wesentliche Rolle spielen. In Kärnten so scheint es, treten diese drei Faktoren gerne gemeinsam auf. Das ist die Erkenntnis.

Mittelalterliche Telenovela

Ken Follet legt mit seinem, im England des 12. Jahrhunderts angesiedelten Roman „Die Säulen der Erde“ so etwas wie eine mittelalterliche Telenovela vor. Während Fernseh-Telenovelas oftmals einen schlechten Ruf genießen kann bei „Die Säulen der Erde“ nur von einem Meisterstück gesprochen werden. Was für die Hauptfiguren des Romans die Kathedrale von Kingsbrigde ist, ist für Ken Follet sein Roman „Die Säulen der Erde“.

Die Handlung ist leicht erzählt. Im England des 12. Jahrhunderts erzählt Follet vom Bau der Kathedrale von Kingsbridge. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und erstreckt sich von den ersten Planungen bis zur Fertigstellung. Geschickt verwebt Follet die Geschichte und Geschichten der Protagonisten. Eingebettet in die Erbfolgekriege nach dem Tod Heinrichs I. stehen sich Grafen, Baumeister, Priester, Äbte und Bischöfe in immer neue Konstellationen gegenüber. Follet gelingt es dabei von Anfang an durch neue Entwicklungen und Ereignisse den Leser zu fesseln, trotz des gewaltigen Umfangs von über 1.100 Seiten ist das Buch überaus kurzweilig. Follet zeichnet sich in diesem Buch durch profunde Kenntnisse der mittelalterlichen Lebenswelten aus. Beim Lesen erwachen die mittelalterlichen Schauplätze zum Leben, fast kann man den Gestank der Straßen riechen.

Auch wenn sich in dem Buch immer neue Allianzen finden, bleibt eine Konfliktlinie bis zum Ende erhalten. Getragen wird die Geschichte von Prior Philip, der Familie Tom Builders und den Kindern von Graf von Shiring auf der „guten Seite“ und als diabolisches Gegenüber die Allianz von Bischof Waleran und William Hamleigh. Wenn man Follet Abzüge machen will, dann findet man Sie in den Persönlichkeiten. Zu sehr lassen sie sich in „Gute“ und „Böse“ unterteilen, zu sehr sind sie nur das eine oder das andere.

Trotzdem ist dieses Buch ein Meisterwerk, insbesondere für Menschen die sich für das Mittelalter interessieren. Wer auf der Suche nach einem Buch für lange Winterabende oder spannende Stunden in einer Liege am Strand ist, findet mit diesem Buch seine Erfüllung.

Nicht viel,… oder doch?

Den Titel des Buches, „Ragazzi, was habe ich verpasst“, kann man auch als Frage interpretieren. Was verpasst man wenn man dieses Buch nicht liest. Zwischenzeitlich, also mitten in der Handlung, konnte ich diese Frage leider zu oft mit: „nichts bis wenig“ beantworten.

Das Buch bietet auf den ersten Eindruck recht viel. Ein spannendes, weil unbekanntes, Umfeld. Einen Hauptdarsteller den man schon nach seinem ersten Auftritt vor Sinatra ins Herz schließt. Hinzu kommt eine Handlung die durchaus Potential hat. Am Ende fehlt zum ganz großen Wurf leider immer irgendetwas. Mal ist es literarische Qualität, mal Spannung.

Sorrentino neigt leider dazu, Gedanken zu zerfleddern. Oftmals werden aus kurzen Geschichten, Monloge und Abhandlungen über die Gesellschaft im Allgemeinen, die eigentlich recht interessant wären, nur fehlt es diesen Passagen an Spannung. Zwischenzeitlich stellt sich die Frage, was will er nun eigentlich sagen.
Natürlich sind manche Episoden spannend und unterhaltsam, von einer Mafia-Schießerei bis zu seinem ersten Mal darf man alles miterleben. Aber diese Geschichten gibt es wo anders auch.

Die große Stärke dieses Buches wäre sicherlich die Story und der Hauptdarsteller, Tony P. Doch leider gelingt es Sorrentino zu selten einen an die Handlung zu fesseln. Somit bleibt am Ende doch ein eher enttäuschendes Leseerlebnis.

Hoffnungslose Klarheit

Rainer Juriatti spricht klar, sehr klar. In „47 Minuten und 11 Sekunden im Leben der Marie Bender“ spricht er vor allem über eines, eine verlorene Kindheit. Diese Kindheit geht, wie man schnell herausfindet, durch falsche Entscheidungen und den Einfluss von Drogen und Freunden verloren.

Während Wir Kinder vom Bahnhof Zoo eine ähnliche Geschichte aus Sicht der Betroffenen erzählt, schafft es Juriatti in diesem Buch, auch die Perspektive der Eltern und der Betreuer darzustellen. Dies macht dieses Buch so reizvoll. Zudem gelingt es Juriatti dank seiner überaus klaren Ausdrucksweise, den Leser auf das Wichtige zu fokussieren. Damit schafft er es, das Buch sowohl bedrückend als auch spannend zu halten. Trotz der durchaus tristen Situation ist die Geschichte der Marie Bender eine Geschichte, die man nicht aus der Hand, legt bis sie zu Ende ist.

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